Der Phantasie Flügel verleihen

Ein neues Weidenobjekt für Bonner EXPO-Projekt


von Jan Hellwig

Betritt man das Gelände der Bonner Stadtgärtnerei, so läßt sich zuerst nichts Ungewöhnliches erahnen; Gewächshäuser und die üblichen Frühbeete. Aber im hintersten Winkel des Geländes beginnt eine ungewöhnliche Idee zu "wachsen". Hier stehen und entstehen lebendige Bauwerke, Baumwerke oder auch "Lebendbauwerke". Im Frühjahr `96 begann hier das Projekt einer Modellanlage für Weidenarchitektur. Die vielseitige Verwendbarkeit des Baumaterials Weide zu zeigen und Vorbilder für Schulen, Kindergärten und der am Lebendbau Interessierten zu liefern, ist das Ziel.

Weidenobjekte Die Gründer des Vereines "Aus Hecken werden Häuser" sehen die Bauwerke gerade für Kinder als Naturspielräume und als wichtigen umweltpädagogischen Anstoß. Der restriktiven Ordnung der uns umgebenden Umwelt wird ein kreativer und Selbstverwirklichung ermöglichender Pol entgegengesetzt. Das 5000 Quadratmeter große Gelände mit Pflanzenhäusern unterschiedlicher Stil- und Baurichtungen ist als dezentrales Projekt im Rahmen der EXPO 2000 anerkannt. Die Keimzelle des Geländes bildet das Bauwerk "Der Reigen" von Marcel Kalberer, von dem aus nun die anderen Gebäude zu "wachsen" beginnen.

Ausprobieren

Die studentische Gruppe "AG Lebendiges Bauen" der FH Höxter hatte ebenfalls Gelegenheit, ihre Philosophie und Design in Form eines Bauwerkes zu zeigen. Die Motivation ergab sich aus der Vielschichtigkeit dieser Bauweise und dem Spaß abseits des Studienalltags. Für uns künftige Planer eine Gelegenheit, kommunikative Planungsmethoden auszuprobieren und umzusetzen.

Unsere Gruppe setzt sich bei jeder Bauaktion neu zusammen. Dies ist vorteilhaft für die Gestaltung des Bauwerkes und setzt Phantasie frei. Eine Vorplanung gibt es nicht, die Idee entsteht spontan und entwickelt sich aus der Situation vor Ort. Bestandteil des entstehenden Objektes ist die Atmosphäre des Ortes mit ihren dort wirkenden Menschen. Neben funktionalen Zusammenhängen werden gestalterische Qualitäten berücksichtigt. Kooperativ wird eine Grundidee weiterentwickelt. Statische Grundprinzipien der Rutenbündel müssen eingehalten werden. Die entstehenden Ansätze müssen eine vorwärts gerichtete Kraft entwickeln, diese Energie setzt einen Ideenpool frei, aus dem geschöpft werden kann. Es gilt zu verhindern, durch unproduktiven Konsens womöglich beliebig zu bleiben.

Das Ergebnis überrascht, auch uns elbst: Ein Vogel sollte entstehen. Gemeinsam findet die Phantasie eine Form, die nur im Zusammenspiel aller Mitwirkenden entwickelt werden konnte. Weit ausladende Flügel rahmen einen zentralen Platz. Der Körper ist ein kleiner Pavillion aus einer Rutenbündelkonstruktion, dessen Schatten in sommerliche Hitze zu genüßlicher Pause auffordert. Hals und Kopf wirken als markantes Zeichen. Das Bauwerk lädt ein, wirkt als Kommunikationsort, gibt Raum zum Feiern.

Die an einen Vogel erinnernde Gestalt zeigt, was für ein Potential an Kreativität und Formenreichtum in dem Baumaterial Weide steckt. Viel unentdeckte Phantasie liegt jenseits von Tipi und Kuppelbau! Die Vielschichtigkeit dieser Art des Bauens ist das Faszinierende: Der offene Bauprozeß, dessen Ergebnis immer ein Anfang ist. Im Frühjahr wird sich eine Wandlung vollziehen, wenn der Blattaustrieb die entstandenen organisch-formalen Formen nach und nach auflöst. Versinnbildlichung des Wandels in der Natur und letztendlich die Frage, ob alles vorherbestimmbar sein sollte und die Weiden wirklich so austreiben, wie wir uns es wünschen. In der Veränderung und der Ungewißheit liegt die Spannung.

Die Vergänglichkeit des Materials und die Veränderung der Konturen scheinen die Bauwerke in den Bereich der Naturkunst zu rücken. Aber ist es wirklich so? Ein Lebendbauwerk ist lebendig und bedarf der Pflege, ist Wandlungen unterworfen. Der Begriff der Prozeßkunst scheint angebrachter. Eines ist sicher, in der Verwirklichung der Kollektividee liegt die wahre "Kunst"!

Das Projekt auf dem Gelände der Bonner Stadtgärtnerei soll Anregung und Anfang sein, selber aktiv zu werden und ein Verbund von Weidenbauten wachsen zu lassen. Die Initiatoren wünschen sich, daß Wege der Phantasie und Kommunikation quer durch das Land gehen und ihre Spuren hinterlassen.


Autor:Jan Hellwig, schrieb den Beitrag stellvertretend für die AG Lebendiges Bauen Höxter. Er studiert LandschaftsArchitektur an der Universität GH Paderborn, Fachbereich LandschaftsArchitektur in Höxter.